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Von Ashwagandha bis Kaisertee – fünf Teewelten, drei Perspektiven

vor 16 Stunden
5 Min. Lesezeit

Im Rahmen meiner therapeutischen Yogalektion am Zürich lernt Festival durfte neben Bewegung, Atmung und Körperwahrnehmung auch eines meiner liebsten kleinen Rituale nicht fehlen: eine gemeinsame Tasse Tee.


Bild der drei Teesorten, welche die therapeutische Yogainstruktorin und TCM Akupresseurin Candy Roxo am Zürich lernt Festival während der therapeutischen Yogalektion vorgestellt hat.
Bild der drei Teesorten, welche die therapeutische Yogainstruktorin und TCM Akupresseurin Candy Roxo am Zürich lernt Festival während der therapeutischen Yogalektion vorgestellt hat.


Dabei konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer verschiedene Produkte kennenlernen, die mich selbst aufgrund ihrer unterschiedlichen Herkunft und traditionellen Verwendung faszinieren: Ashwagandha, Triphala, Safran, Rosentee und den sogenannten chinesischen Kaisertee „Pusher“.


Doch was steckt eigentlich dahinter?


Durch meine laufende Ausbildung in Traditioneller Chinesischer Medizin und meine Weiterbildung in TCM-Ernährungslehre interessiert mich zunehmend eine Frage: Was passiert, wenn wir dasselbe Lebensmittel oder dieselbe Pflanze aus unterschiedlichen Gesundheitssystemen betrachten?


Deshalb möchte ich die Produkte nicht einfach mit dem Etikett „gesund“ versehen. Stattdessen betrachten wir sie aus drei Perspektiven:


Was wissen wir aus westlicher Forschung? Wie werden sie im Ayurveda eingeordnet? Und wie betrachtet die TCM sie?


Dabei ist wichtig: Traditionelle Zuschreibungen aus Ayurveda und TCM sind historische Medizinsysteme und nicht automatisch mit wissenschaftlich nachgewiesenen medizinischen Wirkungen gleichzusetzen.


1. Ashwagandha – Withania somnifera

Ashwagandha gehört zu den bekanntesten Pflanzen des Ayurveda. Verwendet werden je nach Produkt insbesondere Wurzel oder Blatt; zu den charakteristischen bioaktiven Pflanzenstoffen zählen Withanolide.


Westliche Perspektive: Klinische Forschung beschäftigt sich insbesondere mit Stress und Schlaf. Das NCCIH kommt zu dem Schluss, dass bestimmte Ashwagandha-Präparate bei Stress und Schlaflosigkeit hilfreich sein könnten. Für viele andere beworbene Einsatzgebiete reicht die Evidenz hingegen nicht aus. Die Studien verwenden zudem unterschiedliche Präparate, weshalb Ergebnisse nicht einfach auf jeden Ashwagandha-Tee übertragen werden können.


Ayurvedische Perspektive: Ashwagandha wird traditionell den Rasayana zugerechnet – Mitteln, die der Regeneration und Stärkung dienen sollen. Traditionell wird die Pflanze besonders mit Kraft, Erholung und Stabilität in Verbindung gebracht.


TCM-Perspektive: Ashwagandha ist kein klassisches chinesisches Arzneimittel. Eine nachträgliche Zuordnung zu Qi, Yin, Yang oder bestimmten Meridianen wäre daher eine moderne Übertragung und keine klassische TCM-Lehre. Das würde ich auf meiner Homepage bewusst nicht als traditionelle TCM-Wirkung darstellen.


Kontraindikationen & Vorsicht: Ashwagandha sollte laut NCCIH während Schwangerschaft und Stillzeit vermieden werden und wird unter anderem bei Schilddrüsen- oder Autoimmunerkrankungen sowie vor Operationen nicht empfohlen. Wechselwirkungen sind unter anderem mit Schilddrüsenmedikamenten, Immunsuppressiva, Sedativa sowie Medikamenten gegen Diabetes, Bluthochdruck und Krampfanfälle möglich. Selten wurden Leberschäden im Zusammenhang mit Ashwagandha-Präparaten beschrieben.



2. Triphala – drei Früchte in einer Rezeptur

Anders als Ashwagandha ist Triphala keine einzelne Pflanze. Die traditionelle ayurvedische Rezeptur kombiniert drei Früchte: Amalaki (Emblica officinalis/Phyllanthus emblica)Bibhitaki (Terminalia bellirica)Haritaki (Terminalia chebula)


Zu den untersuchten Pflanzenstoffen gehören unter anderem Gallussäure, Ellagsäure, Chebulinsäure und verschiedene Tannine bzw. Polyphenole.


Westliche Perspektive: Triphala wurde unter anderem hinsichtlich Verdauung sowie Stoffwechselparametern untersucht. Eine systematische Übersichtsarbeit fand Hinweise auf Veränderungen von Blutfetten, Blutzucker und Körpermassenparametern in bestimmten Studien, betont aber gleichzeitig, dass grössere und methodisch bessere Studien notwendig sind.


Ayurvedische Perspektive: Triphala gilt traditionell als tridoshische Rasayana-Rezeptur und spielt insbesondere im Zusammenhang mit Verdauung und Ausscheidung eine wichtige Rolle.


TCM-Perspektive: Auch Triphala stammt nicht aus der klassischen TCM. Einzelne Pflanzen oder Eigenschaften könnten aus chinesischer Sicht interpretiert werden; ich würde daraus jedoch keine vermeintlich traditionelle chinesische Indikation für die komplette Rezeptur konstruieren.


Kontraindikationen & Vorsicht: Eine kleine Phase-I-Studie mit 20 gesunden Personen fand bei 2,5 g eines wässrigen Triphala-Extrakts täglich über vier Wochen keine schwerwiegenden unerwünschten Wirkungen. Das ist jedoch keine ausreichende Grundlage, um jede Rezeptur und langfristige Anwendung als sicher einzustufen. Da Veränderungen des Blutzuckers beobachtet wurden, ist insbesondere bei entsprechender Medikation Vorsicht sinnvoll.



3. Safran aus Afghanistan – Crocus sativus

Safran wird aus den getrockneten Narben von Crocus sativus gewonnen. Zu seinen charakteristischen Inhaltsstoffen gehören unter anderem Crocin/Crocetine, Picrocrocin und Safranal.


Westliche Perspektive: Safran ist mittlerweile Gegenstand zahlreicher klinischer Untersuchungen. Besonders interessant ist die Forschung zu Stimmung und depressiven Symptomen; Meta-Analysen zeigen hier positive Signale, wobei Qualität, Präparate und Studiengrössen berücksichtigt werden müssen.


Ayurvedische Perspektive: Safran – Kumkuma/Kesar – besitzt auch im Ayurveda eine lange Tradition und wird dort unter anderem in unterschiedlichen Ernährungs- und Kräuterzubereitungen verwendet. Die konkrete ayurvedische Einordnung hängt dabei auch von Dosierung und Kombination ab.


TCM-Perspektive: Hier wird es besonders spannend, denn Safran ist auch in der chinesischen Materia Medica als Xi Hong Hua bekannt. Traditionell wird er insbesondere im Zusammenhang mit dem Bewegen des Blutes und dem Auflösen von Blutstase beschrieben. Das ist eine TCM-Funktionsbeschreibung und darf nicht mit einer westlich-medizinischen Diagnose oder pharmakologischen Wirkung gleichgesetzt werden.


Kontraindikationen & Vorsicht: Kulinarische Mengen und therapeutische Dosierungen sind unbedingt auseinanderzuhalten. Eine aktuelle systematische Sicherheitsanalyse beschreibt Safran in üblichen Mengen grundsätzlich als gut verträglich; bei medizinisch verwendeten höheren Dosierungen wurden jedoch Nebenwirkungen beobachtet, am häufigsten gastrointestinale Beschwerden. Besondere Vorsicht wird unter anderem bei Antikoagulanzien bzw. Thrombozytenaggregationshemmern sowie während Schwangerschaft und Stillzeit empfohlen.



4. Rosentee aus Graz

Unser rosafarbener Tee war natürlich bereits optisch ein kleines Highlight der Verkostung.

Hier würde ich für die Homepage allerdings bewusst nicht vom Namen auf die Zusammensetzung schliessen. „Rosentee“ kann eine Mischung mit Rosenbestandteilen sein – muss es aber nicht. Farbe, Geschmack und Produktname sagen nicht zuverlässig, welche Pflanzen tatsächlich enthalten sind.


Für die endgültige Produktbeschreibung ergänze ich deshalb die genaue Zutatenliste des Grazer Tees.


Erst dann lassen sich seriös beantworten:


Westlich: Welche Inhaltsstoffe sind tatsächlich enthalten und wozu existiert Forschung?


Ayurveda: Welche Eigenschaften werden den enthaltenen Pflanzen traditionell zugeschrieben?


TCM: Welche Thermik, Geschmacksrichtung und Funktionskreise lassen sich den tatsächlichen Zutaten zuordnen?Kontraindikationen: Gibt es relevante Allergien, Schwangerschaftshinweise oder Medikamenteninteraktionen?

Gerade hier zeigt sich schön, weshalb Pflanzenmedizin mehr bedeutet als ein Produkt nach Farbe oder Namen zu beurteilen.


5. „Pusher“ – der chinesische Kaisertee

Der Name macht neugierig – fachlich gilt jedoch dasselbe:

„Chinesischer Kaisertee“ ist keine ausreichend genaue botanische Bezeichnung.

Damit ich seine Wirkung nach westlicher Phytotherapie, Ayurveda und TCM korrekt beschreiben kann, benötige ich die vollständige Zusammensetzung des Pusher-Tees.

Gerade bei Mischungen ist das wichtig. Die Wirkung einer Rezeptur lässt sich nicht seriös aus ihrem Marketingnamen ableiten. Einzelne Kräuter können sich ergänzen, andere verändern die thermische oder traditionelle Einordnung einer Mischung – und auch Kontraindikationen hängen von den tatsächlich enthaltenen Pflanzen ab.


Deshalb gilt auch hier für mich:

Erst wissen, was drin ist. Dann darüber sprechen, was es bewirken könnte.



Drei Systeme – und trotzdem kein Wirkungsversprechen

Was ich an diesen fünf Produkten besonders spannend finde, ist nicht die Suche nach dem vermeintlichen „Superfood“.

Mich interessiert vielmehr, wie unterschiedlich wir über ein und dieselbe Pflanze sprechen können.


Die westliche Medizin fragt beispielsweise nach Inhaltsstoffen, Wirkmechanismen, Dosierung, klinischen Studien und Nebenwirkungen.


Ayurveda betrachtet Pflanzen innerhalb seines traditionellen Systems unter anderem anhand ihrer Eigenschaften und ihrer Beziehung zu den Doshas.


Die TCM arbeitet wiederum mit Konzepten wie Thermik, Geschmack, Funktionskreisen, Qi, Blut, Yin und Yang.


Diese Perspektiven lassen sich nicht einfach eins zu eins übersetzen.


Aber gerade das macht den Vergleich für mich so interessant.


Auch während meiner therapeutischen Yogalektionen geht es mir deshalb zunehmend nicht nur um Bewegung. Ich möchte Wissen vermitteln, Neugier wecken und Menschen dazu anregen, den eigenen Körper bewusster wahrzunehmen.


Und manchmal beginnt dieses Gespräch ganz einfach bei einer gemeinsamen Tasse Tee.

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